Der „Mittagsmörder“ Klaus Gosmann kommt frei

In bayerischen Städten und Dörfern herrscht seit alters der Brauch des 12-Uhr-Läutens. Zwischen 1962 und 1965 wurde dieses Läuten der Kirchenglocken im fränkischen Raum zweckentfremdet: Sie verkündeten vier Menschen den Tod, was dem Schützen den Beinamen „Mittagsmörder“ eintrug. Zu Unrecht übrigens, denn nie hat bei seinen Taten die mittägliche Uhrzeit eine Rolle gespielt, wie er selbst versicherte: „Ich bin kein Frühaufsteher, und meine Vorbereitungen haben immer so lange gedauert, daß es kurz vor zwölf Uhr war, wenn ich in Aktion trat …“
Der junge Mann hatte sich damals zum selbstherrlichen Richter über das Leben aufgeworfen. Sein Machtmittel waren vier Pistolen, seine Devise hieß: „Wer sich mir in den Weg stellt, muß sterben.“ Insgesamt sieben Personen fielen dem Volkswirtschaftsstudenten zum Opfer: 1960 die Verlobten Valeska Eder und Enrique Hering in Nürnberg; 1962 der Kassier Erich Hallbauer in Ochenbruck und der Kassenbote Oskar Seidel in Neuhaus/Pegnitz; 1963 die Waffenhändler Karola und Helmut Hannwacker (Mutter und Sohn) in Nürnberg und 1965 der Hausmeister Otto Thieme, ebenfalls in Nürnberg.
Die Suche nach dem Unbekannten, der so rücksichtslos von der Schußwaffe Gebrauch machte, dauerte fast ein halbes Jahrzehnt. Schließlich ging er dem berühmten Chef der Nürnberger Kripo, Emmeram Daucher, ins Netz.

Im bald darauf angesetzten Prozeß wurde Klaus Gosmann zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt; die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihm auf Lebenszeit aberkannt. Eine im Auftrag seines Klienten noch eingelegte Revision wurde vom Bundesgerichtshof verworfen.
Anderen überlegen sein – diesen Lebenstraum träumte Klaus Gosmann auch weiter im Gefängnis. Ehrgeizig wie in der Schule, wo er den 100-Meter-Rekord mit 11,2 Sekunden hielt, büffelte er in der Justizvollzugsanstalt Straubing Psychologie. Ein Zwölf-Semester-Fernstudium bestand er mit Note 1. Bei einem Telekolleg in Physik, Chemie, Mathematik und Sprachen schnitt er als bester Teilnehmer der Strafanstalt ab. In den Jahren danach versuchte er die Gefängnisleitung davon zu überzeugen, daß er durchaus in der Lage sei, sich in die Gesellschaft einzufügen und daß er sich zu keiner Arbeit zu schade sei.
Sämtliche Anträge Gosmanns auf Freilassung scheiterten allerdings. Damit ist er der am längsten einsitzende Gefangene in Deutschland. Nun kommt Gosmann frei. 2012 entschied das OLG Nürnberg, daß der Rest der Haft zum 1. März 2015 zur Bewährung ausgesetzt wird. Dann wäre er 75 Jahre alt und hätte exakt 50 Jahre Haft verbüßt. Da Gosmann keine Verwandten hat, soll er in Bayern in einem Männerheim unterkommen. In den vergangenen Jahren wurde er auf sein Leben in Freiheit vorbereitet. Gemeinsam mit anderen Häftlingen unternahm er unter Aufsicht Ausflüge, lernte Banknoten an einem Automaten abheben und was ein Smartphone ist. 2012 schrieb er an die „Hersbrucker Zeitung“, er habe sich seit den Taten „volkommen geändert.“ Er bereue sie zutiefst und habe Mitleid mit den Opfern und ihren Angehörigen. Der vollständige Fall findet sich in Gerd Frank: TOTMACHER 1 – Der Vampir von Nürnberg und andere unheimliche Kriminalfälle deutscher Serienmörder (1945-1977), Verlag Kirchschlager Arnstadt, 2014.

 

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