Schelle Mathews: Die Menschenjagd in den Wäldern von Wynoochee (1912) – Teil 3

W 5
J. Cole, ein Mitglied der Verfolgungstruppe, der sich durch besonderen Mut
und zielbewußte Zähigkeit auszeichnete

Die letzte Kugel meines Schwagers hatte ihr Werk getan. Auf dem Rückweg erzählte mir Quimby, was sich während meiner Abwesenheit zugetragen hatte:
“Beim Aufstehen am 16. hörte ich zufällig, wie Blair zu Lathorp sagte: ‘Heute werden wir nicht die neuen Sachen anziehen. Es wäre schade, wenn sie Tornow in die Hände fielen’. ‘Recht hast du, und der Sheriff wäre wütend’, antwortete Lathrop. ‘Was habt ihr beide miteinander zu tuscheln?’ mischte ich mich ein. ‘Heute rücken wir Tornow auf den Pelz’, antworteten beide. Ich tat mein Möglichstes, um sie von dem Vorhaben abzubringen. Alles erwies sich jedoch als vergeblich. Um sie nicht allein losziehen zu lassen, schloß ich mich ihnen an. Nicht weit vom See stießen wir im Wald auf einen frisch geschossenen Elch. Die Hunde fielen über das Fleisch her. Da sie nicht wieder wegzubringen waren, unterbreitete ich den Vorschlag, zu warten, bis sie sich vollgefressen hatten. ‘Der Teufel soll die Hunde holen!’ lautete die Erwiderung. ‘Mach lieber, daß wir Tornow endlich beim Kragen nehmen.’
Nun, wir kamen schließlich an die Stelle, wo der Baumstamm zur Insel hinüberführt und passierten ihn, ohne daß irgend etwas Besonderes vorfiel. Drüben angelangt machte ich meinen Begleitern erneute Vorhaltungen über ihre Tollkühnheit. Ich wollte zunächst einmal rekognoszieren, und vor allem die Hütte von der Vorderseite her, die wir nicht sehen konnten, in Augenschein nehmen. Auch dieser Vorschlag stieß auf Widerspruch. Von der Stelle, wo wir lagen, konnten wir die Rückwand der Hütte sehen, und da sie weder Fenster noch Schießscharten aufwies, glaubten Blair und Lathorp, sich ohne weiteres anschleichen zu können.
Sie entledigten sich ihrer Rucksäcke, um beim Kriechen weniger behindert zu sein, und verschwanden nach links im Walde, während ich mich mehr rechts hielt. Ein paar Meter weiter erhob sich vor mir ein Stamm einer gewaltigen Fichte. Kaum hatte ich ihn erreicht und halt gemacht, um Umschau zu halten, als ich Schüsse fallen hörte. Ich machte einen Satz nach rückwärts, bis zu einer Stelle, von der ich aus meine Begleiter sehen konnte. Blair war zu Boden gestürzt, Lathrop brach gerade in diesem Augenblick zusammen. Wenige Meter von mir entfernt kauerte ein Kerl mit verwildertem Haar und Bart hinter einem Buchenstamm. Er feuerte wie rasend auf die beiden Gestürzten.

Ich riß das Gewehr an die Backe und drückte ab. Der Stamm, der meinem Gegner Deckung bot, war nur dünn. Ich hoffte, durch das äußere Holz und die Rinde hindurch die linke Schulter des Waldmenschen zu treffen. Lathrop feuerte unterdessen wie rasend, obwohl er auf dem Boden lag.
Mein erster Schuß tat keine Wirkung. Nach wie vor feuerte der Waldmensch wie ein Irrer auf meine beiden Kameraden. Ich sah seinen zottigen Schädel blitzschnell hinter dem Buchenstamm auftauchen und verschwinden und drückte fünfmal hintereinander in rascher Folge ab, ohne anscheinend zu treffen. Beim sechsten Schuß ließ ich mich auf mein Knie nieder und zielte sorgfältig. Als die Kugel aus dem Rohr fuhr – es war meine letzte – sah ich den Kopf drüben nach vorn sacken und verschwinden. Das Feuern hörte auf. Ich sprang hinter den Fichtenstamm, um mein Gewehr neu zu laden. Ob ich wirklich getroffen hatte, wußte ich nicht. Die plötzliche Stille im Walde war mir unheimlich. Rings um die Hütte lagen, vom Sturm niedergebrochen, Bäume. Mir fiel mit einemmal ein, daß Tornow, hinter ihnen entlangkriechend, mir unversehens in den Rücken fallen konnte. Deshalb trat ich schleunigst den Rückzug an. Auf mich hat Tornow nicht ein einzigesmal geschossen. Ich glaube, er hat meine Anwesenheit gar nicht bemerkt.”
Die Untersuchung der Leichen ergab, daß Blair durch den Kopf geschossen worden war. Er mußte auf der Stelle tot gewesen sein.
Bei Lathrop hatte der erste Schuß beide Wangen durchbohrt und ihn betäubt zu Boden geworfen. Lathrop besaß nur noch ein Auge. Er wälzte sich auf die rechte Seite und feuerte vom Boden aus auf den Mann hinter der Buche. Sämmtliche Kugeln schlugen in den Stamm ein, ohne den Gegner zu treffen. Alle fünf habe ich später aus dem Baum herausgeschnitten. Die sechste Patrone hatte sich im Magazin festgeklemmt – die Feder der Ausstoßvorrichtung war lahm. Und so fanden wir ihn tot auf der Seite liegend, bewacht von seinem treuen Hund. Eine Hand krampfte sich noch um den Gewehrlauf, die andere war auf dem Bügel der Repetiervorrichtung erstarrt. Bis zum letzten Atemzug hatte er sich verzweifelt bemüht, den letzten Schuß abzufeuern.
Quimbys erste Kugel fand ich in das Holz des Buchenstammes, hinter dem Tornow Deckung genommen hatte, auf der linken Seite eingebettet. Die übrigen vier Schüsse hatten in Schulterhöhe tiefe Furchen in die rechte Seite des Stammes gepflügt. Der sechste Schuß hatte John Tornow genau über dem Brustbein getroffen, war dann vom linken Schulterblatt abgeprallt, hatte einen Teil des Rückgrates mitgenommen und war an der rechten Schulter unter der Haut stecken geblieben.
Tornow, der früher 190 Pfund gewogen hatte, wog jetzt nu rnoch 170 Pfund. Er trug vier Hemden und vier Hosen übereinander. Aber was er auf dem Leibe hatte, waren nur noch Fetzen. Neben seinem Kopf lag ein Regenhut, den Kenzie getragen hatte, und in seinen Taschen fand man Kenzies Uhr. An den Füßen trug er vollkommen neue Stiefel. Die Kappen waren jedoch abgeschnitten. Kenzies Schuhe waren es nicht. Wem sie ursprünglich gehörten, konnte niemals geklärt werden.
Uns allen war es kein Geheimnis mehr, wie John und William Bauer ums Leben gekommen waren. Wahrscheinlich hatten sie den Bären, den sie verfolgten, in der Nähe von Tornows Waldhütte gestellt. Sie feuerten auf das Tier, als es auf einem der gestürzten Stämme entlang lief. Tornow, der gerade dabei war die entführte Kuh zu häuten, befand sich zufällig unmittelbar in der Schußlinie. Er glaubte wohl, daß die Schüsse ihm gegolten haben, griff zum Gewehr und schoß die Eindringlinge nieder, vermutlich ohne überhaupt zu wissen, daß er seine Neffen vor sich hatte.
Dann verscharrte er sie. Was er dabei empfand, hat niemand je erfahren, denn bis zu dem Augenblick, wo Quimbys Kugel seiner blutigen Laufbahn ein Ende ebreitete, hat kein Lebender mehr den wilden Mann vom Wynoochee gesprochen.

W 4

Die Rückkehr der Verfolger, nachdem es ihnen glückte, den Verbrecher unschädlich zu machen

Außer den schon genannten Toten weist mein Notizbuch noch die Namen von fünf Leuten auf, die in den Jahren 1911 und 1912 in der Gegend am oberen Satsop spurlos verschwunden sind. Was aus ihnen geworden ist, hat sich nicht feststellen lassen.
Unheimlich und grotesk wie Tornows Leben, mutete auch sein letzter Zufluchtsort an, als wir ihn genauer in Augenschein nahmen. Am Ufer der Insel hatte Tornow am Wasserrand entlang kleine Pflöcke eingeschlagen und Frösche mit einem dünnen Faden daran gefesselt. Das waren die Wachhunde des Sonderlings. Solange sie lustig quakten, war die Luft rein. Näherte sich jemand dem Baumstamm, der als Brücke diente, so verstummte der lärmende Chor, und Tornow war gewarnt. Auf diese Art hatte er wohl auch erfahren, daß Lathrop, Blair und Quimby auf der Insel waren und hatte sich rechtzeitig hinter dem Buchenstamm in den Hinterhalt gelegt.
Wir entdeckten raffinierte Fallen, die der absonderliche Mensch mit unendlicher Geduld aus Holz geschnitzt hatte. Die wenigen Patronen, die ihm noch geblieben waren, für den letzte Kampf aufsparend, den er wohl vorausgeahnt hatte. Sechs Patronen waren alles, was er noch an Munition besaß. Sie gehörten zu dem Karabiner, den er dem toten Elmer abgenommen hatte. Einzelne davon waren umwickelt, wohl um sie für das größere Kaliber von Tornows U.-S.-30-Büchse verwendbar zu machen.
Da wir nun schon seit so langer Zeit dauernd hinter ihm her waren, hatte er anscheinend nie Gelegenheit gefunden, seine zur Neige gehenden Vorräte zu ergänzen. Aber der späte Gebirgsfrühling stand vor der Tür. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Quimbys Kugel ihn verfehlt hätte. Vielleicht wäre es ihm doch gelungen, sich neue Munition zu verschaffen und sein blutiges Handwerk fortzusetzen.
An den Ufern des Satsop wurde John Tornow auf dem Friedhof beigesetzt, wo auch die übrigen Mitglieder seiner Familie ruhten, einer Familie, die mit zu den ersten zählte, die das Land erschlossen und besiedelt haben, und deren Namen deshalb hoch geehrt ist. Niemals hat ein Hungriger vergebens an ihre Tür geklopf. Bei der Beerdigung traf ich Tornows Brüder. Sie trugen mir den Tod Johns nicht nach. Quimby erhielt die von den Behörden ausgesetzte Belohnung. Er hatte sie redlich verdient.

 

 

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