Schelle Mathews: Die Menschenjagd in den Wäldern von Wynoochee (1912) – Teil 1

Von Zeit zu Zeit setzt sich der Dämon in einem Menschenhirn fest und treibt dort sein Wesen, das dem normalen Denken fremd bleibt. Tier oder Mensch? „Wildwest“?

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Gemeinsam hatten John und William Bauer das Licht der Welt erblickt. Gemeinsam waren sie zu prächtigen jungen Menschen herangewachsen. Beide waren sie vortrefflich geeignet, den alten urwüchsigen Menschenschlag des Grenzers zu verkörpern. Mit ihren Eltern hausten sie zusammen weit draußen in den Waldwüsten des Staates Washington, im fruchtbaren Tal des Satsop Rivers, in einem weitläufigen bequemen Haus, das der Familie schon seit langem zum Heim diente.
Von Kindesbeinen an waren die beiden mit dem Gebrauch von Schußwaffen vertraut gemacht worden und da die Wälder nicht nur von jagdbarem Wild aller Art, sondern auch von Raubtieren wimmelten, wurden sie beide große Jäger vor dem Herrn.
Teils um des Zeitvertreibes willen, teils um die elterliche Speisekammer mit der Jagdbeute zu füllen oder um die Herden vor den Angriffen größerer Räuber des Waldes zu schützen, zogen sie häufig auf die Pirsch.
Im Sommer 1911 wurden die Bären zu einer wahren Landplage. Bald hier, bald dort hatte man auf den verstreut liegenden Höfen den Verlust wertvollen Viehs zu beklagen. Als deshalb im September eines Tages der Vater auf seinem Inspektionsgang feststellte, daß eine seiner schönsten Kühe abhanden gekommen sei, zweifelte niemand daran, daß Meister Petz am Werke gewesen war. Die beiden Söhne schulterten ihre Gewehre, schnallten den Patronengürtel um, und begannen in den umliegenden Wäldern nach dem Übeltäter Ausschau zu halten.
Es war einer jener funkelnden Herbsttage, die den ersten Frösten voranzugehen pflegen – ein Sonntagnachmittag. Durch Brombeerdickicht, durch das zähe Geflecht wilden Hopfens, durch hochwachsende Farne sich Bahn brechend, suchten die beiden Jäger nach den Spuren der verschwundenen Kuh.
Gegen drei Uhr nachmittags stand der alte Farmer auf der Veranda seines Hauses und spähte zum Satsop River hinüber, nach der Richtung, in der seine Söhne gegangen waren. Mit einem Male hörte er schnell hintereinander mehrere Schüsse fallen.
„Na, Muttchen“, rief er über die Schulter ins Haus zurück, „mir scheint, unsere Jungen haben Meister Petz gestellt.“
Zwei Stunden vergingen. Der Sonntagnachmittag begann sich seinem Ende zuzuneigen. Die Zeit war gekommen, wo sich die Familie zur Hauptmahlzeit versammeln sollte. Die beiden Jäger waren jedoch noch nicht zurückgekehrt. Frau Bauer begann, wie es bei Müttern nicht selten ist, ein wenig ängstlich zu werden.
„Warum die Buben bloß nicht nach Hause kommen?“ fragte sie ihren Gatten.
„Was soll schon groß sein?“ meinte Bauer sen.
„Sie werden ihre Last damit gehabt haben, dem Bären das Fell abzuziehen.“
Aber als die Sonne sich rüstete, hinter dem Horizont hinabzutauchen, und die vereinzelten hohen Fichten im Talgrund ihre ins Riesenhafte verlängerten Schatten über Haus und Garten warfen, als schließlich ein bleicher Mond seine silberne Scheibe am Abendhimmel aufzog und die Söhne noch immer nicht zurückgekehrt waren, wurde auch ihr Vater unruhig.
Er zündete eine Laterne an und machte sich auf den Weg. Das ganze Tal streifte er ab, soweit seine Weidegründe reichten, und rief nach John und William. Aber keine Antwort kam. Nur seine eigene Stimme hallte in den Echos wider. Vielleicht waren die beiden zu tief in die Waldwildnis eingedrungen, um dem Ruf ihres Vaters erreichbar zu sein, vielleicht hatten sie den Bären nur angeschossen und waren seiner Spur gefolgt.
Nachbarn, mit denen der Alte auf seinem Weg zusammentraf, erfuhren von seiner Besorgnis. Gegen neun Uhr hatte sich eine ziemliche Anzahl von Anliegern auf dem Bauerschen Hof versammelt. Kriegsrat wurde gehalten und beschlossen, in breiter Kette den umliegenden Wald zu durchstreifen. Signale wurden vereinbart, damit die einzelnen Gruppen miteinander in Fühlung bleiben konnten. Bald loderte hier und da auf einem Berggipfel ein Feuer auf. Männer wachten bei der Glut die ganze Nacht über und sandten von Zeit zu Zeit mit voller Lungenkraft einen gellenden Mahnruf in die Dunkelheit hinaus:
„Hoooooo! William! Hoooooo! Jonny!“
Grau, in Nebel gehüllt, zog der Morgen herauf. Unverrichteter Dinge kehrten die Sucher zurück. Boten machten sich auf den Weg, um den Sheriff zu benachrichtigen und weitere Freiwillige aufzubieten.
„Wenn bloß John hier wäre“, jammerte Frau Bauer. Sie meinte ihren Bruder John Tornow. „Er kennt jeden Fußbreit in den Wäldern droben. Wenn meine Jungens sich verirrt haben sollten, so käme uns seine Hilfe sehr zustatten.“
„Ja, jetzt könnten wir ihn brauchen“, erwiderte ihr Mann.
Am Sonntagabend hatte man aufs Geradewohl gesucht. Am Montag ging man systematischer zu Werk. Ed Payette, der Sheriff, war erschienen und hatte die Sache in die Hand genommen. Am Abend traf ein junger Spürhund ein, der kurze Zeit zuvor auf Kosten des Bezirks angeschafft worden war, und der Hilfssheriff Colin Kenzie versuchte mit dem Hund die Fährte aufzunehmen. Ihm schloß sich noch ein gewisser John Schwartz an.

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John und William Bauer waren die ersten Opfer des unheimlichen Waldmenschen

Alte Kleider und Hüte der Verschwundenen wurden hervorgesucht. Man gab sie dem Hund, um den Geruch aufzunehmen. Er schien willig und voller Eifer, und nahm nach kurzer Zeit eine Fährte an. Quer über das Weideland strebte er, kreuzte den Fluß und fand, ohne zu stocken, zur Überraschung aller anwesenden Waldläufer sofort die Spur auf dem anderen Ufer wieder.
Einundeinehalbe Meile weit folgte er ihr in den Wald hinein, ohne alle Mühe. Dann schien sie plötzlich verloren. Die Nacht brach herein. Im Augenblick war nichts mehr auszurichten. Schweren Herzens entschlossen sich die Sucher unverrichteter Dinge ihre Bemühungen aufzugeben und einstweilen zum Hof der Bauers zurückzukehren.
Am nächsten Morgen in aller Frühe schon sah man sie bereits wieder an der Stelle versammelt, wo der Hund die Witterung verloren hatte. Vor einiger Zeit hatte der Sturm im Forst gewütet. Einer der mächtigen Stämme, die er gebrochen hatte, war hügelabwärts gefallen und bot den Männern einen bequemen Weg hinab in die zu ihren Füßen sich hinziehende Schlucht des Satsop Flusses. Der erste von ihnen, der das untere Ende des Stammes erreichte, machte eine merkwürdige Entdeckung. Auf der rissigen Rinde des Stammes schimmerte ein Blutfleck.
Nicht weit davon fanden sich unverkennbare Anzeichen dafür, daß jemand hier im Walde geschlafen hatte. Aus Ästen und dichtbelaubten Zweigen war, im Schutze einer überhängenden Lehmbank, eine rohe Hütte errichtet, gerade groß genug, um einem Schläfer Unterkunft und notdürftigen Schutz zu bieten. An sich bedeutete der Fund nicht viel. Ein Jäger oder en Angler, den die Nacht in der Wildnis überrascht hatte, mochte sie errichtet haben. Bedeutungsvoll dagegen war, daß man wenige Schritte davon die Überreste der vermißten Kuh entdeckte. Kein Bär hatte sie mit seinen Pranken zerfleischt. Ein Blick genügte, um sich zu überzeugen, daß sie von geübter Menschenhand kunstgerecht gehäutet und zerlegt worden war.
An der Hütte hatte der Spürhund Halt gemacht. Zum Weitergehen war er nicht zu bringen. Während man noch darüber diskutierte, kamen andere Mitglieder des Aufgebots zurück, die sich weiter vorgewagt hatten. In nächster Nähe hatte sich, wie sie meldeten, im dichten Unterholz ein verwundeter Bär niedergetan. Hatten die Blutflecken auf dem niedergebrochenen Stamm damit ihre Erklärung gefunden?
Ein verwundeter Bär ist ein furchtbarer Gegner für den Jäger, der nicht auf seiner Hut ist. Hatten die Zwillinge den Kürzeren gezogen? Angenommen, dies wäre so, wo lagen dann ihre von den Prankenhieben des Bären verstümmelten Körper?
Die Sonne stand schon hoch im Mittag. Es gab eine Stelle im Wald, zu der sich der Spürhund allem Anschein nach besonders hingezogen fühlte, eine leichte Erhöhung. Altes Moos, verwelktes Laub und gebrochene Zweige hatten sich hier aufgehäuft. Als aber der Spürhund mit beiden Vorderpfoten sich hineinzuwühlen begann, merkte der Hilfssheriff Kenzie, daß hier etwas Besonderes vorliegen müsse.
Rasch rief er andere Männer des Aufgebots heran. Graben erwies sich als leicht. Die Erde war locker. Bald war eine Leiche freigelegt – die Leiche John Bauers – und knapp zwölf Meter weiter stieß man auf die geschickt versteckten Überreste seines Bruders William.
John war durch die Schläfe geschossen, William durchs Herz. Mord!
Der schweigsame Forst hatte sein Geheimnis preisgegeben. Jetzt galt es den Mörder zu finden. Auf jeder Hofstatt wurde Alarm geschlagen. In Monte Sano drunten, dem Hauptort des Kreises, wo sich auch der Sitz der Gerichtsbehörden befand, strömten geübte Schützen und erfahrene Waldläufer zusammen. Eine Kolonne um die andere wurde organisiert und ging in die Wälder ab. In ihren verschwiegenen Tiefen war jetzt eine neue Jagd im Gange – eine Menschenjagd.
Die Aufgebote suchten nach dem Mörder der beiden jungen Männer. Wer kam als Mörder in Betracht? Darauf gab es einstweilen keine Antwort. Vergeblich hatten sich die Beamten den Kopf zerbrochen. Der Tatort verriet nichts, was erlaubte, auf den Täter zu schließen.
Ehe der Mörder seine Opfer beisetzte, schnitt er die Lederriemen durch, die den beiden Brüdern statt der Uhrketten gedient hatten. Die Uhren hatte er an sich genommen, ebenso die Waffen seiner Opfer: eine Büchse und eine Schrotflinte.
An dem Abend, an dem die Leichen gefunden wurden, tauchte überraschend auch ein Bildreporter in dem entlegenen Tal auf. Er übernachtete bei den Bauers. Am nächsten Morgen hängte er die Kamera über die Achsel. Er wollte die Stelle fotografieren, wo man William und John gefunden hatte.
Frau Bauer tat alles, um ihn zurückzuhalten:
„Lassen Sie die Finger davon! Gehen Sie nicht!“ bestürmte sie ihn. „Der Kerl, der meine armen Jungen ermordet hat, schleicht noch immer dort draußen herum. Er belauert unser Haus. Manchmal spüre ich von hinten seinen Blick. Wenn meine armen Buben unter der Erde sind, wird er wohl von hier verschwinden, früher aber nicht. Wenn ich nur wüßte, wo John steckt.“
Noch einmal traten die Aufgebote den Marsch in die Wildnis an. Das ganze Gebiet zwischen dem Satsop und dem Wynoochee River, der sieben Meilen weiter westlich floß, sollte durchgekämmt werden. Und allen Aufgeboten wurde eingeschärft, nach John Tornow Ausschau zu halten, dem Onkel der beiden Opfer. Wer ihn fand, sollte ihn über das Vorgefallene informieren und ihn nach dem Bauerschen Hof hinunterschicken.
Dieser John Tornow war ein absonderlicher Mensch, eine Eremitennatur. Stille und Abgeschiedenheit gingen ihm über alles. Schon als Kind von zehn Jahren verschwand er gelegentlich in den Wäldern und blieb tagelang weg. Je älter er wurde, desto heftiger wurde seine Leidenschaft für das grüne Reich da draußen.
Die Olympic Mountains, die pfadlose Wildnis da oben in den Bergen, hatte für ihn keine Schrecken. Mit siebzehn Jahren stattete er ihr seinen ersten Besuch ab, und es dauerte mehrere Wochen, ehe er wieder zu den Menschen zurückfand. Als er zum Mann herangereift, und Herr seiner eigenen Entschlüsse war, lebte er von da an nur noch unter freiem Himmel. Nur in langen Zwischenräumen tauchte er bei den Verwandten auf, wenn ihm draußen das Salz oder die Munition ausgegangen waren oder wenn er sich neu einkleiden mußte.

Die Geschichte findet sich in dem Band Pantome der Unterwelt, der im April 2015 im Verlag Kirchschlager erscheint.

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